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Von uns für Euch » Katastrophe bei der Loveparade
Von uns für Euch

Katastrophe bei der Loveparade
27.07.2010 - 00:17 von Sven Blanko


Ex-Polizeipräsident verklagt VerantwortlicheBeteiligte schieben sich Schuld zu


Wer ist Schuld an der Katastrophe von Duisburg? Während die Ermittlungsbehörden beschlagnahmte Dokumente sichten, zeigen die Beteiligten jeweils mit dem Finger auf den anderen. Der Ex-Polizeipräsident Bochums verklagt den Veranstalter, der seinerseits die Einsatzkräfte beschuldigt, den Tod von nunmehr 20 Menschen mit verursacht zu haben. Und die Polizei sagt: "Die Verantwortlichen waren besessen von ihrer Idee."


Der Tunnel nach der Katastrophe.
(Foto: dpa)

Zwei Tage nach der Massenpanik bei der Loveparade mit 20 Toten und 341 Verletzten hat der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner persönlich Anzeige gegen Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sowie leitende Beamte der Stadt und die Veranstalter erstattet. Wenner hatte zuvor gesagt, eine solche Veranstaltung wäre "in Duisburg nie realisierbar" gewesen. Noch vor einem Jahr hatte er als amtierender Polizeipräsident die für Bochum geplante Loveparade abgesagt.

Derweil hat die CDU/CSU-Bundestagsfraktion zur Aufklärung der Katastrophe in Duisburg eine unabhängige Untersuchungskommission verlangt. Die Kommission sollte sich aus Fachleuten von Sicherheitsbehörden und Rettungsdiensten zusammensetzen, die nicht aus dem Duisburger Umfeld stammen, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl. Nur so könne unvoreingenommen geklärt werden, wie es zu der Tragödie kommen konnte. Die Ergebnisse der Kommission sollen dann als Basis für allgemeine Sicherheitsstandards für derartige Großveranstaltungen dienen.

Ein internes Verwaltungsdokument aus Duisburg belegt nach Informationen des "Spiegel" jedoch die Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Loveparade. So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250.000 Menschen zugelassen gewesen. Erwartet wurden allerdings mehr als eine Million Menschen.


Weit weniger Gäste als angegeben


(Foto: dpa)

Tatsächlich waren es über den ganzen Tag verteilt wohl höchstens 400.000 Gäste, die am Samstag zum Techno-Rave in die Stadt gekommen waren. Mehr sei "rechnerisch unmöglich", so die Polizei in Duisburg. Weder mit den bestehenden Verkehrsmitteln noch in der zur Verfügung stehenden Zeit hätten so viele Menschen anreisen können.

Doch selbst mit weit weniger Gästen sei die Planung mit dem Schleusensystem im Zugang zur Partyzone unrealistisch gewesen, berichteten Abgeordnete aus dem NRW-Landtag. Der Veranstalter sei davon ausgegangen, dass pro Stunde 30.000 Menschen aus westlicher und östlicher Richtung auf das Gelände geleitet werden könnten.


Veranstalter schiebt Schuld auf Polizei


Zwar sei der Weg zur Bühne absichtlich lang gewählt und mit weiteren Bühnen ausgestattet worden, um die Besuchermenge auseinanderzuziehen, sagte die Duisburger Polizei. Doch der Loverparade-Veranstalter Rainer Schaller erhebt schwere Vorwürfe gegen die Beamten. So hätten die Einsatzkräfte die Anweisung gegeben, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang zu öffnen.

Zuvor habe man bis 14 Uhr 10 der 16 Zugänge geschlossen gehalten, weil bereits eine Überfüllung des Tunnels drohte. Dann aber sei der Hauptstrom der Besucher unkontrolliert in den Tunnel geströmt. Warum die Polizei diese Anweisung gegeben habe, wisse er nicht, so Schaller. "Für den Fall der Überfüllung sollten die Schleusen geschlossen werden."


Aufklärung kann dauern


Duisburgs Vize-Polizeichef Wolfgang Rabe, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und ihr Innenminister Ralf Jäger am Unglücksort.
(Foto: dpa)

Mit einer raschen Klärung der Ursache für die Tragödie rechnen die Ermittlungsbehörden jedoch nicht: "Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern", sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp. Es müssten viele Zeugen ausfindig gemacht und befragt werden. Zudem würden Fotos und Videos vom Unglücksort ausgewertet.

Die Duisburger Polizei hat die Ermittlungen zu der Katastrophe derweil abgegeben. Um Befangenheit zu vermeiden, habe das nordrhein-westfälische Innenministerium die Zuständigkeit auf die Kölner Behörde übertragen, sagte ein Sprecher der dortigen Polizei. Es sei bereits eine Kommission in Köln eingerichtet worden. Ob diese hauptsächlich von Köln aus arbeiten, oder nach Duisburg ziehen werde, sei noch unklar. "Akten können wir auch von Köln aus auswerten", hieß es lapidar.

Das letzte Todesopfer der Katastrophe gab es am Montagabend, als eine 21-Jährige in einem Krankenhaus ihren Verletzungen erlag. Damit erhöht sich die Anzahl der Toten auf 20. Nach den letzten Angaben gab es rund 340 Verletzte. Inklusive der Menschen, die im Laufe des Tages wegen Alkohol- oder Drogenmissbrauch ärztliche Hilfe brauchten,  summierte sich die Zahl auf 511, von denen 283 ins Krankenhaus kamen. Die meisten konnten nach kurzer Behandlung wieder entlassen werden.


"Stadt hat sich verhoben"


1 Million Menschen erwartet, aber nur ein Gelände für 250.000?
(Foto: dpa)

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, warf Stadt und Veranstaltern Versagen vor. "Ich kenne diese Veranstaltung zum Beispiel aus Berlin und weiß, dass dort völlig andere geographische Verhältnisse sind", sagte der gebürtige Duisburger bei n-tv. "Ich habe es für unmöglich gehalten. Duisburg ist viel zu eng bebaut, als dass man eine solche Veranstaltung mit einem Millionenpublikum durchführen kann. Ich glaube, die Stadt hat sich da verhoben, der Veranstalter hat sich vor allen Dingen verhoben."

"Ich habe vor einem Jahr Duisburg als ungeeignet für die Loveparade abgelehnt und bin dafür als Spaßverderber und Sicherheitsfanatiker beschimpft worden", so Wendt weiter. "Aber die Verantwortlichen waren besessen von der Idee, etwas für diese gebeutelte Stadt zu tun."

Die Veranstaltung war mit 7,5 Millionen Euro beim Axa-Konzern versichert, auch gegen Personenschäden. Zu Einzelheiten über Haftungsfragen oder zur Entschädigung für die Opfer wollte sich der Versicherer nicht äußern. "Wir sind in der Kette der ermittelnden Organe ganz hinten", sagte ein Axa-Sprecher. Die Mitarbeiter des Versicherers müssten sich erst einmal ein Bild von der Lage machen.


Polizei beklagt Druck auf Politiker

Staatsanwalt Haferkamp wollte angebliche Sicherheitslücken nicht kommentieren. Es seien eine Reihe Unterlagen beschlagnahmt worden, die nun ausgewertet werden müssten, sagte er. Erst danach lasse sich sagen, ob sich Beweise zu Lasten einzelner Verantwortlicher bei der Genehmigung, Organisation und Ausführung der Veranstaltung verdichteten. Derzeit liefen die wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung eingeleiteten Ermittlungen weiterhin gegen Unbekannt.

Duisburgs Bürgermeister Sauerland.
(Foto: dpa)

Auf der Suche nach den Verantwortlichen für die Katastrophe verweist der stellvertretende Chef der Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Orscheschek auf regionale Politiker. Vor der Veranstaltung in diesem Jahr sei auf Duisburger Verantwortliche Druck ausgeübt worden: "Ein Druck von Seiten des Veranstalters auf Politiker und mit Zuhilfenahme natürlich von den Medien." Verganges Jahr war die Love Parade in Bochum abgesagt worden - wegen Sicherheitsbedenken.


Bürgermeister vor Rücktritt?


Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) deutete an, dass er zurücktreten könnte. "Gestern und auch heute ist die Frage nach Verantwortung gestellt worden, auch nach meiner persönlichen. Ich werde mich dieser Frage stellen, das steht außer Frage", sagte Sauerland.

Doch zunächst müsse es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse vom Samstag aufzuarbeiten. "Und wenn wir wissen, was da passiert ist, dann werden wir auch diese Frage beantworten. Das verspreche ich", sagte Sauerland zu den an ihn gerichteten Rücktrittsforderungen.


"Wir haben alles gegeben"

Sauerland zeigte Verständnis dafür, dass er bei einem Besuch des Unglücksorts am Sonntag von Trauernden körperlich attackiert wurde. "Da waren Menschen, die trauern, die ihren Emotionen freien Lauf gelassen haben. Das verstehe ich." Sauerland war nach Angaben der "Bild"-Zeitung ausgebuht und beschimpft worden, ein Mann habe ihn mit Müll beworfen und am Jacket getroffen. Leibwächter zogen ihn weg zu seinem Dienstwagen.

Der Oberbürgermeister kündigte eine Trauerfeier in Duisburger Kirchen an. Zugleich verteidigte Sauerland die Verantwortlichen der Stadt Duisburg. "Wir haben alles darum gegeben, ein sicherer Austragungsort zu sein, dafür haben wir gearbeitet, dafür haben wir gekämpft."

Die nordrhein-westfälische Polizei richtete ein Betreuungsangebot für Teilnehmer ein, die Schwierigkeiten haben, die Ereignisse zu verarbeiten. Wie die Polizei Essen mitteilte, können sich Menschen, die aufgrund ihrer Erlebnisse auf der Loveparade Beistand benötigen, rund um die Uhr telefonisch unter 0201/ 82 98 091 melden oder eine Mail an die AdresseBetreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de schicken.

Video

Fahrlässige Tötung auf der Loveparade

Ermittlungen gegen Unbekannt

Mediathek

rpe/hvo/AFP/dpa/rts



Quelle: http://www.n-tv.de/panorama/Beteiligte-schieben-sich-Schuld-zu-article1139571.html
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